von Nikolaus Birkl

„Gesegnet ist der, der nichts erwartet, er wird nie enttäuscht werden“ (Alexander Pope). Dieses Nichts-Erwarten mag ein vor Enttäuschung sicherer Zustand sein, der für meditative Situationen oder bestimmte Bereiche des Lebens erstrebens- wert ist und dann glücklich macht. Im täglichen Leben jedoch würde er uns überfordern (wir verzichten ja auch nicht dauerhaft auf das Essen, nur damit wir uns nicht den Magen verderben). Soviel zu der Illusion, sich vor Enttäu- schung bewahren zu können.

Wo kommt der Begriff „Enttäuschung“ her, was bedeutet er? Im Lateinischen heißt Enttäuschung spes irrita, die „misslungene Hoffnung“ bzw. „misslungene Erwartung“. Das Englische nennt die Enttäuschung disappointment, also das Gegenteil von appointment und das heißt wörtlich übersetzt „Verabredung“, also eine „Ent-Verabredung“.

Im Deutschen steckt ganz auffällig das Wort „Täuschung“ in dem Begriff und die Vorsilbe „Ent“- bedeutet stets, dass ein bisheriger Zustand beendet wird. Was also im alten Rom noch eine nicht erfüllte, misslungene Erwartung war, wird im Deutschen zur Beendigung einer Täuschung.

Die lateinische und die englische Begrifflichkeit wirken beschreibend und wenig bis gar nicht emotional aufgeladen. Es ist eine Hoffnung oder Erwartung misslungen bzw. eine Verabredung ist aufgehoben, findet nicht statt oder so ähnlich.

Im Deutschen hat der Begriff Täuschung immer etwas mit Schuld zu tun, er klingt moralisch verwerflich, „Man täuscht doch niemanden!“, Täuschung ist etwas zumeist Vorwerfbares, manchmal sogar Strafbares. Da ist im Gegensatz zu den lateinischen und englischen Begriffen plötzlich ganz viel Moral, Emotion, Frustration, Wut, Ärger, vielleicht auch Demotivation etc. im Spiel. Es geht nicht mehr um die relativ ruhige Feststellung, dass etwas nicht so läuft wie erwartet, sondern wir sind, wenn wir enttäuscht werden, (zumindest als Versuchung) nahe an der Opferrolle.

Die Frage ist also: „Wer hat wen getäuscht, dessen Täuschung nun beendet ist, ent-täuscht wird? Wer ist der Böse?

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von Anselm Bilgri

Würde (von althochdeutsch wirdî; mittelhochdeutsch wirde) ist sprachgeschichtlich verwandt mit dem Wort „Wert“ und bezeichnete anfänglich den Rang, die Ehre, das Verdienst oder das Ansehen einer einzelnen Person. (bei den Römern: dignitas bzw. auctoritas)

Umgangssprachlich hat Würde unterschiedliche Bedeutungen:

Im allgemeinen Sprachverständnis bezeichnet Würde den Achtung gebietenden Wert eines Menschen und die ihm deswegen zukommende Bedeutung.

Von Würde im Sinne von Erhabenheit spricht man im Zusammenhang von Ritualen, Institutionen und dergleichen („eine würdige Feier“, „die Würde des Staates“).

Von Würde wird auch im Zusammenhang mit einem Titel, bestimmten Ehren und/oder hohem Ansehen verbundenen Ämtern gesprochen (vgl. die „Würde des Amtes“, etwa des Bundespräsidenten, die „nicht beschädigt werden darf“). Dementsprechend werden besonders im gehobenen Sprachgebrauch die Träger besonderer weltlicher wie geistlicher Ämter als Würdenträger bezeichnet.

Was als würdig oder nichtswürdig (würdelos, schändlich) empfunden wird, ist weder allgemein definierbar noch konstant, sondern unterliegt wie alle Wertvorstellungen ständigem sozialen Wandel. Vgl. dazu immerhin Friedrich Schillers Gedicht Würde der Frauen. Welches eigene Verhalten ein Mensch als mit seiner Würde vereinbar ansieht, ist individuell verschieden.

Die Tätigkeit, einer Person die Würde zuzusprechen oder diese anzuerkennen, wird als (das) Würdigen oder (die) Würdigung bezeichnet.

Umgangssprachliche Redewendungen sind etwa: Das ist unter meiner Würde. Da wird die Würde mit Füßen getreten.

Der Unterschied zu Ehre oder Ruhm ist zu beachten: Während Ehre und Ruhm einen äußeren, etwa durch eine Gesellschaft vermittelten Wert darstellen, liegt der Wert der Würde im Inneren eines jeden Menschen selbst.

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von Gina Ahrend

„Tage des Innehaltens“ – Zeit haben, nach innen und außen zu hören, zu fühlen, die Welt um sich herum wirklich wahrzunehmen, sich selbst zu spüren, ist ein Wunsch vieler Menschen in unserer heutigen hektischen Zeit. Wir fühlen uns überfordert von der Fülle der anstehenden Termine, alles geht schneller, ist oberflächlicher, unverbindlicher, so hat man jedenfalls den Eindruck. Da kommen „Tage des Innehaltens“, zumal inmitten der Weinberge, im Schloss Rechenthal in Südtirol, gerade recht. Anselm Bilgri, Nikolaus Birkl und Georg Reider, die Referenten, bieten in den dreieinhalb Tagen eine stimmige Mischung aus Meditation, Impulsvorträgen*, Naturerlebnis, gutem Essen, ernsten Gesprächen und launigen Abendsymposien. Inspirierende, aufbauende Tage – da sind sich alle in der Schlussrunde einig. Jeder nimmt etwas mit, auch wenn es manchmal mehr Fragen als zu Beginn sind. Aber Fragen sind der Anfang aller Entwicklung.

Mein persönlicher Bericht:

Über den Brenner zu fahren hat für mich seit meiner frühesten Jugend, wenn meine Eltern mit mir im Liegewagen von Wuppertal aus gen Süden fuhren, einen ganz besonderen Zauber. Meist erfüllt von der Vorfreude auf Tage am Meer, auf Sonne und Pinien oder Palmen, je nach Richtung, auf pittoreske Plätze und kulturelle Schätze – kurz, auf mehr Leichtigkeit und Lebensfreude.

Aus dem sonnigen und warmen München kommend empfing uns das Land wo die Zitronen blühen heute allerdings mit prasselnden Regenschauern und gefühlten 12 Grad. Schloss Rechenthal liegt wunderschön, sagt man mir, mit weitem Blick über das Tal bis zum Kalterer See. Im Moment ist davon nicht viel zu sehen – aber morgen ist das bestimmt schon anders!

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von Nikolaus Birkl

Kaum ein Begriff wird so vielfältig verwendet wie der Begriff der Kommunikation. Jede Beziehung zu anderen Menschen setzt Kommunikation voraus, eigentlich jede Beziehung zu und zwischen Lebewesen bzw. zwischen lebenden Systemen. Denn nicht nur Menschen, sondern auch Teams, Unternehmen, Organisationen und ganze Völker kommunizieren miteinander.

Aber auch triviale, nicht-lebende Systeme wie Maschinen, Regeltechniken oder Computer treten beispielsweise bei Datenübertragungen oder wechselseitiger Steuerung miteinander in Verbindung – man denke nur an das Stichwort „Künstliche Intelligenz“ – und auch dort sprechen wir heute von „Kommunikation“, auch wenn es sich (noch?) nicht um einen lebendigen, sondern um den mathematischen Austausch über Algorithmen handelt. Bleiben wir bei der Kommunikation unter Lebewesen bzw. lebenden Systemen:

Was ist das eigentlich, Kommunikation?

Im Lateinischen bedeutet communio die Gemeinschaft, communicare heißt „gemeinsam machen, teilen, mitteilen“. Ursprünglich ist damit eine Sozialhandlung gemeint, in die mehrere Lebewesen einbezogen sind. Heute versteht man darunter den Austausch, die Weitergabe von Informationen. „Information“ bedeutet dabei Erkenntnis, Wissen, Erfahrung, Ideen etc.. Interessanter an der Definition „Austausch von Informationen“ ist das Wort „Austausch“: es ist ein Weitergeben und ein Entgegen-Nehmen unter Überwindung der eigenen Grenzen (Körper) und der Grenzen des Anderen. Dabei wird natürlich die Information nicht aus dem Körper des Gebenden entfernt, sondern sie bleibt dort und es wird quasi eine Kopie weitergegeben.

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Joan Baez veröffentlicht ihr (vielleicht) letztes Album

Von Nikolaus Birkl

Joan Baez – die klare Stimme der frühen Friedensbewegung, die Woodstock-Ikone, an der Seite von Martin Luther King auf dem Washingtoner Marsch, Partnerin von Bob Dylan und Steve Jobs, die Unbeugsame, die Entdeckerin vergessener Folksongs, 2017 aufgenommen in die Rock and Roll Hall of Fame usw. usw.. Die meisten kennen ihre klare Stimme, die fließend englisch und spanisch singt, seit 1960 ist sie aus der Folk-, Folkrock- und auch Gospel-Szene nicht mehr wegzudenken. Man denke nur an „The Night They Drove Old Dixie Down“ oder „Gracias a la vida“ … .

Diese wunderbare Musikerin hat am 2. März 2018 im Alter von 77 Jahren ihr nach eigener Darstellung letztes Album „Whistle Down the Wind“ veröffentlicht und es ist so wundervoll und ergreifend wie nahezu alle (mehr als) dreißig LPs zuvor. Die Stimme ist natürlich älter geworden, aber sie ist immer noch von dieser brillanten Klarheit und Reinheit und wenn sie zwischendurch ein wenig brüchig klingt, ist nicht sicher, ob das nicht auf Absicht beruht, so stimmig wirkt das. Auch dieses Album enthält Sozialkritisches und Aktuelles (z. B. „The President Sang Amazing Grace“), aber eben auch diese ergreifenden Melodien und Lieder, wie sie eben nur Joan Baez singen und interpretieren kann.

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