Innehalten

Die Akademie der Muße hat soeben wieder „Tage des Innehaltens“ in Südtirol abgeschlossen. Der diesjährige Retreat war der zehnte derartige Rückzugszeitraum, den die Akademie der Muße in den Anfangstagen des September anbietet. Daneben gibt es noch Tage des Innehaltens im Mai und Juli eines jeden Jahres und in 2019 sogar auch in der letzten Septemberwoche. Diese Retreats erfreuen sich großer Beliebtheit, – warum eigentlich? Und was bedeutet „Innehalten“?

Das Wort Innehalten ist verwandt mit „Einhalten“ und meint Sich-Einhalt-Gebieten, Unterbrechen, Aussetzen, Verweilen, Haltmachen, Stehenbleiben; das Deutsche Nachrichten-Korpus Wortschatz nennt 24 Synonyme. Es geht um die Unterbrechung des ununterbrochenen Voranstrebens im täglichen Leben, in dem die Zukunft uns wie ein unwiderstehlicher Magnet immer weiterzieht. Was wir jetzt tun, tun wir oft, um damit dann etwas Bestimmtes zu erreichen. Der energetische Motor in uns will zu einem in der Zukunft liegenden Ziel, das bei seinem Erreichen durch ein neues Ziel abgelöst wird. So ist immer die Zukunft (obwohl sie immer unsicher ist und bleibt) das handlungsleitende Motiv: Voran! Voran! Und wir denken immer darüber nach, wie wir optimal dorthin kommen.

Innehalten unterbricht diesen Mechanismus, es hält ihn an und wendet sich der Gegenwart zu. Wir bleiben stehen, treten einen Schritt zurück, atmen durch und können damit „das, was ist“ wahrnehmen. Wir wissen aus der Neurobiologie, dass wir Menschen nicht wahrnehmen und denken gleichzeitig können. Wir nehmen entweder mit unseren Sinnen wahr oder wir denken und reflektieren über das Wahrgenommene, beides gleichzeitig ist uns nicht möglich. „Denken frisst Wahrnehmung“.

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„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“ Ein Zitat, das Alexander von Humboldt zugeschrieben wird, dessen 250. Geburtstag in diesem September gefeiert wird. Aber egal, ob es wirklich von dem großen Entdecker und Naturforscher stammt oder nicht, es regt zum Nachdenken an. Natürlich können nicht alle Menschen die hintersten Winkel der Welt bereisen, um ihr Weltbild zu erweitern, wie das Alexander von Humboldt getan hat. Aber es gibt ja auch die Reisen im Geiste, das Wissen der Welt ist für viele Menschen so leicht zugänglich, wie noch niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Es steht den meisten Menschen offen, sich umfassend aus unterschiedlichsten Quellen zu informieren, fremde Welten und Kulturen (theoretisch) zu erforschen, andere Meinungen zu hören, Standpunkte zumindest nachzuvollziehen. So kann man den Satz auch so verstehen, dass es gefährlich ist, mit Scheuklappen herumzulaufen, nur sein räumlich beschränktes, bekanntes Umfeld wahrzunehmen, sich dem Fremden nicht auszusetzen – und sei es auch nur im Geiste.

Der Freiheitsbegriff lässt sich vielfältig diskutieren, ist einem stetigen Wandel unterworfen und umfasst psychologische, soziale, kulturelle, religiöse, politische und rechtliche Dimensionen. Wenn man Freiheit als „frei von äußeren Zwängen“ versteht, definiert man den Begriff im Verhältnis eines Individuums zu anderen Menschen. Und „frei von inneren Zwängen“ würde bedeuten, dass der Mensch frei entscheiden kann, was heutzutage Neurowissenschaftler bezweifeln. Unstrittig ist, dass Freiheit in unserer Demokratie ein hohes Gut ist. Der Artikel 2 des Grundgesetzes garantiert das Recht auf „ …die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Wo fängt die persönliche Freiheit an, wo hört sie auf? Nur gemeinsam können wir frei sein. Freiheit heißt auch, die Wahl zu haben, daraus resultieren wiederum Entscheidungszwänge – und somit mitunter Stress. Das bedeutet, Verantwortung für sein Handeln übernehmen, Konsequenzen für sich und für andere abwägen und tragen. Populisten triumphieren, weil sie einfache Lösungen und klare Feindbilder anbieten. Das „befreit“ den Einzelnen von der Freiheit der Wahlmöglichkeiten. Freiheit will gelernt sein …

Qual der Wahl

Täglich treffen wir Entscheidungen, viele unbewusst und spontan, andere nach reiflicher Überlegung. Es gibt kleine Entscheidungen zu treffen, an welcher Kasse wir anstehen, ob wir heute das Auto oder den Bus nutzen oder welches Produkt wir kaufen. Und große Entscheidungen, welche Ausbildung wir wählen, mit wem wir unser Leben verbringen oder ob wir uns für oder gegen eine Operation entscheiden. Solche ernsten Entscheidungen wägen wir oft lange ab, informieren uns gründlich, versuchen uns über unsere Gefühle und die Konsequenzen klar zu werden. Wir versuchen, uns bestmöglich abzusichern, damit nichts schiefgeht. Noch unsicherer fühlen wir uns meist bei den kleinen Entscheidungen und sind frustriert ob der ständigen vielfältigen Wahlmöglichkeiten. Sich für etwas zu entscheiden, bedeutet immer, sich gegen etwas zu entscheiden. Das löst Ängste aus. Auch Führungskräfte in Unternehmen haben immer häufiger Angst, Entscheidungen zu treffen und damit Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen uns nach allen Seiten absichern und rückversichern. Aber geht das, gibt es die ideale, optimale Entscheidung? Sicher nicht in jedem Fall und dann hilft es zu akzeptieren, dass eine Entscheidung immer den Zweifel und das Risiko einer falschen Wahl bedeutet. Manchmal geht sogar beides – nur nicht zeitgleich.

Das, was wir sehen, das, was wir fühlen, das, was wir hören? Aber ist es nicht so, dass ein anderer Mensch dieselbe Situation ganz anders wahrnimmt? Darüber hinaus nehmen wir alle nur kleinste Teilausschnitte wahr, in diesem Moment, in diesem Umfeld. Unsere Wahrnehmung ist selektiv, schon aufgrund unserer Erfahrungen und Interessen, und dieselbe Situation und daraus folgende Erkenntnisse werden unterschiedlich bewertet. Zur Wahrheit gehört eben auch, dass die absolute Wahrheit selten jemand für sich gepachtet hat. Der öffentliche Diskurs sollte in einer Demokratie offen sein für eine Vielstimmigkeit der Meinungen. Trotzdem gibt es universelle Wahrheiten, die in Gesetze münden, die unser Miteinander regeln, auf die wir uns verlassen können sollten. Unser Rechtsstaat basiert auf Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Gewaltenteilung und dass Recht zum Wohle des Volkes gesprochen wird, basierend auf der „Wahrheitsfindung“. Und dass dieses Vertrauen nicht grundlegend erschüttert wird, ist eine große Herausforderung in postfaktischen Zeiten, wo Staatenlenker bewusst und absichtlich lügen, sogar „Videobeweise“ leicht gefälscht werden können und offensichtliche Unwahrheiten durch ständige Wiederholung manifestieren.