von Nikolaus Birkl

Oft geben wir uns dem ewigen Strom der Zeit gelassen hin: panta rhei (griech.: „Alles fließt“, Heraklit, um 500 v. Chr.), alles fließt und wir fließen mit ohne Einsatz von Beibehaltungsenergien, von Festhalten oder von Nicht-Loslassen-Können.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: dieses „Alles-fließen-lassen“ ist kein Fatalismus, sondern hat etwas mit der Akzeptanz dessen zu tun, was das Leben mit sich bringt. Wir leben die Veränderung, die wir nicht ändern oder aufhalten können. „Was ist, darf sein“ ist die kürzeste mir bekannte Definition von Glück.

Oft aber wollen wir der Veränderung eine Richtung geben, sie – wenn sie schon stattfindet – lenken und nutzen, ihr einen zusätzlichen Sinn geben und unseren Interessen dienlich machen. Das ist völlig legitim, ja es ist unsere Aufgabe, Veränderung zu gestalten, wo wir sie gestalten können.

– Und dann brechen wir auf, wir stehen auf, haben eine Vorstellung davon, was wir wollen und setzen uns ans Steuer unseres Lebens. Unser Aufbruch gibt der Veränderung eine von uns gewollte Richtung und schon geht es ab in die Zukunft und damit zwingend in die Unsicherheit … .

Wer sich nicht sicher im Umgang mit dieser Unsicherheit fühlt, wird sich auch mit dem Aufbrechen schwertun. Wir können ja nur vermuten, wie es kommen wird, und dabei darauf vertrauen, dass wir mit dieser Entwicklung dann gut werden umgehen können. So vertraut der, der aufbricht, vielleicht auch auf andere, auf jeden Fall aber auf sich selbst und seine Ressourcen. Fehlt ihm dieses Selbstvertrauen, wird er nur schwerlich aufbrechen.

Damit steht jeder Aufbruch in innerem Zusammenhang mit unserem Selbstver- trauen, also damit, wieviel Zugang wir zu uns selbst haben. Momente der Stille, Zeiten der Muße und des Innehaltens öffnen diesen Zugang.

Lassen sie uns aufbrechen! Wohin? Laotse sagte hierzu um 600 v. Chr.:

„Eine Reise von tausend Meilen beginnt unter deinem Fuß.“

Lesen Sie hier den gesamten Impuls zum Thema „Aufbruch“.

Ein Impuls von Gina Ahrend

2018 war ein turbulentes Jahr. Mit Sorge beobachten wir, dass sich der Ton des Miteinanders ändert. Und nicht zum Guten, wie wir finden. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – der Wert der Political Correctness, der den Umgang miteinander lange Zeit bestimmt hat, scheint zu schwinden. Dabei verstehen wir politisch korrekte Sprache nicht als Totschlagargument, um wiederum Andersdenkende, die nicht in unser Weltbild passen, sofort auszugrenzen und Zensur auszuüben. Sondern: „In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Begriff politically correct die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können, etwa bezogen auf Geschlecht oder Hautfarbe.“ (Wikipedia)

Durch häufige sprachliche „Ausrutscher“ schleicht sich eine wachsende Akzeptanz nationalistischer, fremdenfeindlicher, rassistischer, antisemitischer oder islamfeindlicher Rhetorik ein. Tabus werden gebrochen, erstmal nur probeweise, mal schauen, wie die Reaktion ist … Rote Linien werden peu à peu verschoben und eine Sprache wird „normal“, die vor Kurzem noch undenkbar war. Und das nicht nur in den sozialen Medien, wo manch einer anonym sprachlich ausholt, sondern auch im direkten menschlichen Umgang. „Am Anfang war das Wort“ – dem folgen Taten.

Lassen Sie uns achtsam sein, dass unser Miteinander weiterhin geprägt ist von Respekt füreinander, von Achtung vor dem anderen.

von Gina Ahrend


Welche Assoziationen kamen Ihnen spontan als wir Sie gefragt haben, ob Sie zu einem Interview zum Thema „Achtung“ bereit wären?

Achtung hat ja mehrere Bedeutungsräume. Respekt ist ein Begriff, der mir sofort dazu einfällt. Wertschätzung. Vorsichtiger Umgang – mit anderen Menschen, mit Tieren, der Natur und auch mit mir selbst. Das hat alles mit dem Bereich „Achtsamkeit“ zu tun. Interessanterweise ist Achtung ebenso ein Signalwort, das warnen soll. Auch das bedeutet „Vorsicht“. Ich habe festgestellt, dass ich es ziemlich oft benutze. Mein Lebensgefährte ist Franzose und obwohl er kein Deutsch spricht, hat er „Achtung!“ sofort verstanden. Daran ist vermutlich U2 schuld. Seit ihrem Album „Achtung, Baby!“ ist der Begriff international bekannt…

Was bedeutet „Achtung“ in Ihrem Leben für Sie?

So viel! In so vieler Hinsicht! Ich übe beständig. Also, ich übe Achtung und Achtsamkeit. Das bedeutet zum Beispiel Respekt vor der Leistung anderer zu haben, auch wenn das Ergebnis nicht meinem Geschmack entspricht. Die Meinungen, den Geschmack, die Entscheidungen anderer zu respektieren, auch wenn ich sie nicht verstehe. Wenn jemand die Musik von Andrea Berg liebt und darin aufgeht, ist das doch schön. Vor allem ist es deren Sache und nicht meine. Ich muss mich auch nicht über Andrea Berg lustig machen, die Frau hat eine phänomenale Karriere hingelegt und mit ihrer Musik viele Menschen glücklich gemacht. Das heißt nicht, dass man keinen Witz machen oder keine Kritik üben darf. Eben alles mit Achtung. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere und Natur. Wie gehe ich mit denen um? Was kann ich besser machen? Und dann versuche ich hartnäckig, mir selbst Achtung entgegenzubringen. Das fängt mit Achtsamkeit an und betrifft eigentlich alles: Wie und mit wem verbringe ich meine Zeit? Womit nähre ich meinen Körper? Mit welchen Dingen umgebe ich mich? Aber auch: Was denke ich über mich, wie rede ich mit mir selbst und wie spreche ich vor anderen über mich? Ich bin immer noch am Entlernen vieler negativer Selbsturteile, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in mir festgesetzt haben. Ich glaube, dieses Lernen und Entlernen wird nie aufhören.

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Am Abend des 6.11. war die bisherige Präsidentin des Bayerischen Landtags unsere Gesprächspartnerin bei unserem „Diskurs für eine gelassene Lebensführung“ im Salon Luitpold, Palmengarten des Café Luitpold, München.

Obwohl oder weil Frau Barbara Stamm kurz vorher ihr Landtagsmandat und damit auch ihre Aufgabe als dessen Präsidentin verloren hatte, strahlte sie die Gelassenheit aus, mit der sie ihre politische Laufbahn und ihr Privatleben überzeugend und authentisch in Einklang bringen konnte.

Sie war das soziale Gewissen von CSU und Staatsregierung.  Ihr (Un-)ruhestand sei ihr von Herzen gegönnt. Wer sie kennt, weiß, dass sie beispielgebend präsent bleiben wird.

von Nikolaus Birkl

„Gesegnet ist der, der nichts erwartet, er wird nie enttäuscht werden“ (Alexander Pope). Dieses Nichts-Erwarten mag ein vor Enttäuschung sicherer Zustand sein, der für meditative Situationen oder bestimmte Bereiche des Lebens erstrebens- wert ist und dann glücklich macht. Im täglichen Leben jedoch würde er uns überfordern (wir verzichten ja auch nicht dauerhaft auf das Essen, nur damit wir uns nicht den Magen verderben). Soviel zu der Illusion, sich vor Enttäu- schung bewahren zu können.

Wo kommt der Begriff „Enttäuschung“ her, was bedeutet er? Im Lateinischen heißt Enttäuschung spes irrita, die „misslungene Hoffnung“ bzw. „misslungene Erwartung“. Das Englische nennt die Enttäuschung disappointment, also das Gegenteil von appointment und das heißt wörtlich übersetzt „Verabredung“, also eine „Ent-Verabredung“.

Im Deutschen steckt ganz auffällig das Wort „Täuschung“ in dem Begriff und die Vorsilbe „Ent“- bedeutet stets, dass ein bisheriger Zustand beendet wird. Was also im alten Rom noch eine nicht erfüllte, misslungene Erwartung war, wird im Deutschen zur Beendigung einer Täuschung.

Die lateinische und die englische Begrifflichkeit wirken beschreibend und wenig bis gar nicht emotional aufgeladen. Es ist eine Hoffnung oder Erwartung misslungen bzw. eine Verabredung ist aufgehoben, findet nicht statt oder so ähnlich.

Im Deutschen hat der Begriff Täuschung immer etwas mit Schuld zu tun, er klingt moralisch verwerflich, „Man täuscht doch niemanden!“, Täuschung ist etwas zumeist Vorwerfbares, manchmal sogar Strafbares. Da ist im Gegensatz zu den lateinischen und englischen Begriffen plötzlich ganz viel Moral, Emotion, Frustration, Wut, Ärger, vielleicht auch Demotivation etc. im Spiel. Es geht nicht mehr um die relativ ruhige Feststellung, dass etwas nicht so läuft wie erwartet, sondern wir sind, wenn wir enttäuscht werden, (zumindest als Versuchung) nahe an der Opferrolle.

Die Frage ist also: „Wer hat wen getäuscht, dessen Täuschung nun beendet ist, ent-täuscht wird? Wer ist der Böse?

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