Durch Papst Franziskus ist der Begriff der Barmherzigkeit wieder in den Blick gekommen. Er hat 2016 zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit erklärt. In den modernen säkularen Gesellschaften hat Barmherzigkeit nicht immer den positiven Klang, den sie im religiösen Bereich beansprucht. Sie wird eher mit Herablassung, falschem Mitleid oder der Bemäntelung versäumter Reformen der Strukturen assoziiert. Niemand möchte mehr auf Gnade und Barmherzigkeit anderer angewiesen sein. Der neuzeitliche Sozialstaat hat die Menschenrechte zu Anspruchsrechten ausformuliert. Dies gilt natürlich auch für das Miteinander in Unternehmen. Das Arbeitsrecht formuliert die Rechte und Pflichten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Da scheint kein Platz für Barmherzigkeit zu sein. Was könnte man trotzdem von dieser ethischen Haltung für unsere Unternehmenskulturen an positiven Werten herauskristallisieren? Barmherzigkeit ist eine Form der Zuwendung, die sich spontan und unbedingt einem anderen zuwendet, der ohne bzw. durch eigene oder fremde Schuld in Not geraten ist und sich nicht selbst daraus befreien kann. Der Barmherzige leidet und solidarisiert sich mit einem solchen Menschen und versucht, alles zu beseitigen, was dessen Selbstentfaltung behindert. Mit dieser Definition sind einige Stichpunkte genannt. Es handelt sich um Zuwendung: Das erinnert an das Erfolgsrezept großer Unternehmensgründer: You have to love people. Man muss Menschen mögen. Eine grundsätzlich zugewandte Einstellung von Führungskräften zu den Menschen, mit denen sie das Unternehmen zum Erfolg führen will. Ein zweiter Punkt ist der Schuldbegriff. Das führt direkt zur Fehlerkultur, die in einem Unternehmen herrscht. Suche ich immer gleich einen Schuldigen für aufgetretene Fehler? Oder begreife ich Fehler als Möglichkeiten für die Zukunft zu lernen? Man lernt immer nur aus Unerwartetem. Fehlerzuweisungen als Dauerzustand führen zu Demotivation und mittelfristig zu innerer Kündigung. Der dritte Punkt scheint mir die Ermöglichung der Selbstentfaltung zu sein. Benedikt nennt dies in seiner Ordensregel discretio, die Gabe der Unterscheidung. Man muss die Mitarbeiter in ihrer Unterschiedlichkeit wahrnehmen und ihre Talente zum Klingen bringen lassen. Das bedeutet, dass ich meine Mannschaft kenne und die Stärken jedes einzelnen fördere, ihm natürlich auch den Erfolg vergönne und evtl. vergüte, den er dadurch dem Unternehmen eingebracht hat. Wobei die stärkste Form der Anerkennung nicht materieller Natur ist: Wertschätzung erwarten sich die meisten Arbeitnehmer von ihrem Chef. Vielleicht die treffendste Interpretation des alten Begriffs Barmherzigkeit.

Ihr
Anselm Bilgri

Nächster Diskurs für eine gelassene Lebensführung im Café Luitpold am 26.07.2016 um 20 Uhr
(anschließende Diskussion ausdrücklich erwünscht)

Nach dem erfolgreichen Auftakt der neuen Gesprächsreihe im Münchner Café Luitpold werden Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl am 26. Juli den nächsten Gast begrüßen: Helmut Lind, den Vorstandsvorsitzenden der Sparda-Bank München eG.

Banken gelten heute häufig als profitgierig, wenig kundenfreundlich, nicht mehr aufs Gemeinwohl ausgerichtet. Einst renommierte Institute leiden unter erheblichen Reputations- bzw. Glaubwürdigkeitsdefiziten. Die Branche baut massiv Stellen ab, Mitarbeiter fühlen sich unter Druck. Da lässt Helmut Lind aufhorchen: Seit dem Jahr 2011 veröffentlicht die größte bayerische Genossenschaftsbank regelmäßig eine Gemeinwohlbilanz und berichtet darin unter anderem, ob das Geldhaus mit seinen Geschäften die Umwelt schädigt, wie groß die Gehaltsunterschiede zwischen Vorstand und einfachen Angestellten sind und ob sich die Mitarbeiter in der Bank wohlfühlen.

Helmut Lind hat sich selbst in den letzten Jahren vom rastlosen und kühlen Profitmaximierer zum mitfühlenden und achtsamen Vorgesetzten gewandelt. Mitarbeiter können selbst bewerten, welche Aufgaben ihnen Freude machen und welche Last bedeuten. Das Unternehmen versucht dann, sie entsprechend zu verteilen.

Kann man auf diese Weise mit einer Bank Erfolg haben? Oder ist genau diese Unternehmenskultur Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaften? Das versuchen die beiden Gründer der Akademie der Muße, Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl, im Gespräch mit Helmut Lind herauszufinden. Sie wissen aus ihren Führungskräfte-Seminaren, wie viele Menschen sich in unserer Gesellschaft unter ständigem Zeit- und Erfolgsdruck fühlen. Wie oft Unruhe, Stress und Burnout die Folge falscher Führung ist. Und wie Achtsamkeit die Kultur in Organisationen ändern kann.

Weitere Informationen bald unter www.cafe-luitpold.de/salon-luitpold-kultur-unter-palmen .Um Anmeldungen bitten wir direkt unter info@cafe-luitpold.de

Interview mit dem Mediziner Dr. med. Jochen von Wahlert über ausgebrannte Manager und den Sinn von Muße

Dr. med. Jochen von Wahlert ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er betrieb in München eine private Praxis für Psychotherapeutische Medizin und war lange Jahre ärztlicher Direktor der bekannten Psychosomatischen Klinik Bad Grönenbach. Im April dieses Jahres eröffnete er die neue Psychosomatische Privatklinik am Schloßberg in Bad Grönenbach. Sie richtet sich vor allem an Top-Manager aus Unternehmen und internationalen Organisationen. Am 10. Mai diskutieren Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl mit Dr. von Wahlert im Münchner Café Luitpold im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „Diskurse für eine gelassene Lebensführung.“


Herr Dr. von Wahlert, wie finden Sie als Mediziner den Begriff Burnout?

Eigentlich gar nicht schlecht. Burnout ist natürlich kein Fachbegriff, keine medizinische Diagnose, aber er hat die Gesellschaft in den letzten Jahren für das Thema psychische Erkrankung sensibilisiert. Gerade weil er nicht nach Depression klingt, nach Angststörung, Zwangsverhalten, Sucht, Ess-Störungen – was sich ja alles dahinter verbergen kann. Auch das breite Spektrum der somatoformen Störungen im Zusammenhang mit Stress und Überlastung in der Arbeitswelt hat eine enorme Verbreitung: Wir gehen davon aus, dass in den Wartezimmern der Allgemeinärzte jeder Dritte mit körperlichen Beschwerden auf Grund einer psychischen Erkrankung kommt. Somatoforme Störungen wurden bisher vollkommen unterschätzt und selten rechtzeitig erkannt und behandelt. Unter dem Begriff „Burnout“ trauen sich Patienten überhaupt, Hilfe anzunehmen und zu uns zu kommen, manche sogar bevor sie psychisch völlig zusammenbrechen.

Wie entsteht diese Überlastung?

Vereinfacht gesagt durch chronische Überforderung, Dauerstress. Wenn Menschen immer in Hetze sind und unter Druck stehen, dann hat das für den Körper eine Reihe negativer Auswirkungen: der Organismus bleibt im Daueranspannungsmodus und kann sich nicht mehr ordentlich regenerieren, der hohe Cortisol-Spiegel wirkt negativ u. a. auf das Immunsystem, das Nervensystem ist überreizt und auf der zellulären Ebene können Reparaturmechanismen nicht mehr richtig arbeiten. Auch die Funktion der Organe ist oft gestört. Gerade Magen-Darm-Probleme kommen häufig vor und sind ein Riesenthema in diesem Zusammenhang. Viele Patienten haben körperliche Störungen, und nur wenige bringen sie zunächst in Zusammenhang mit ihrer Überlastung.

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Faul sein dürfen

Prof. Hartmut Rosa hat in seinem Buch „Beschleunigung“ geschrieben, er glaube, dass die Entschleunigung zu der Gegenideologie des 21. Jahrhunderts werde. Die Zeichen dafür mehren sich. Immer mehr Medien nehmen sich des Themas an. Oft geht man sogar soweit und fordert Mut zum Faul sein. Und es stimmt: Wir trauen uns nicht mehr zuzugeben, nicht einmal uns selbst gegenüber, dass wir gerne mal einfach nichts planen, tun, unternehmen wollen, auch keine Freizeitaktivitäten. Einfach nur rumhängen. Aufkommende Langeweile bewusst verspüren und lernen, sie zu genießen. Sie ist nichts anderes als eine lange Weile, in der nichts geschehen muss. Man braucht ja nicht gleich so weit zu gehen wie das Magazin Brandeins und die Leser auffordern: „Macht blau!“ Es genügt schon, “nur” die Pausen- und Freizeiten mit Nichtstun zu verbringen. Es ist ein Paradox unserer Leistungsgesellschaft: je angestrengter wir tun, machen, bosseln, desto weniger effektiv und produktiv sind wir am Ende des Tages. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Faul-sein über die Ostertage – man kann das auch Muße nennen.

Mit den besten Grüßen
Ihr
Anselm Bilgri

Diskurs für eine gelassene Lebensführung im Café Luitpold
(anschließende Diskussion ausdrücklich erwünscht)

Die erste Spielzeit des Kulturprogramms im Café Luitpold in 2016 dreht sich um das hochaktuelle Thema “Identität in Zeiten des Umbruchs”.

Innerhalb einer Reihe von Veranstaltungen zu diesem Thema geben am 10.05.2016, Beginn: 20 Uhr, die Akademie der Muße, Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl, im Gespräch mit Dr. med. Jochen von Wahlert Antworten und Anregungen für eine gelassene Lebensführung:

Glück, Gesundheit und Gelassenheit sind untrennbar miteinander verbunden. Viele Menschen in unserer aktuellen Gesellschaft fühlen sich unter ständigem Zeit- und Erfolgsdruck. Unruhe und Stress sind die Folge. Die zunehmende Zahl psychogener Belastungserkrankungen, wie Depression oder “Burn-out”, führen zu individuell massiv gefühltem Un-Glück. Für ein glückliches Leben ist Gelassenheit eine der Grundvoraussetzungen. Sie hilft Unveränderbares zu akzeptieren.

Der Zustand der Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit, sondern eine emotionale Haltung, die man mit “Loslassen” bezeichnen kann. Sie lebt aus der inneren Einsicht, dass das Leben ein ununterbrochener Fluss der Veränderung ist. Ein Leben, das Geduld kennt, in dem das Haben und das Mehr-haben-Wollen hinter das Sein und das Bei-sich-Sein zurücktritt.

Gelassene Menschen sind achtsame Menschen und achtsame Menschen sind zumeist seelisch gesunde Menschen. Doch warum tun wir uns so schwer mit dieser Gelassenheit? Wie können wir Gelassenheit erlernen, wie gelassener werden?

Weitere Informationen und Anmeldungen unter www.cafe-luitpold.de/salon-luitpold-kultur-unter-palmen oder unter info@cafe-luitpold.de